Rathaus Biblis

Die Bibliser Rathaustradition reicht weit zurück bis in das Jahr 1592, aus dem zwar ein Rathaus erwähnt ist, aber leider keine Unterlagen mehr zu finden sind. Erst ab dem Jahre 1784 erfahren wir wieder etwas über das Rathaus, welches an der Stelle des "alten" Rathauses stand. Da wird berichtet, dass der damalige Ortsvorstand in dem doch schon betagten Haus (vielleicht dem von 1592) einige Fenster von einem Glasermeister aus Nordheim erneuern ließ. Vom Oberamt Starkenburg wurde diese Maßnahme beanstandet mit der Bemerkung, dass für alle Zeiten befohlen sei, dass solche Arbeiten nicht mehr an "ausherrische", sondern an "inländische Untertanen" zu vergeben seien. (Nordheim gehörte damals zum Bischöflich-Wormser Gebiet, das für das Kurfürstentum Mainz Ausland war.)

Am 12. März 1785 berichtete das Oberamt Starkenburg der Landesregierung in Mainz, dass das Rathaus in Biblis baufällig sei und für seine Instandsetzung der Betrag von 1299 Gulden 11 Kreuzer erforderlich sei. Mainz lehnte die Baumaßnahme ab und schlug vor, die Schäden nur so weit auszubessern, wie es eine einstweilige Erhaltung fordere.
1787/88 reichten Handwerksmeister aus Heppenheim und Bensheim ihre Angebote für die Rathausinstandsetzung ein, da nach dem Bericht des Oberamtes die Bibliser Handwerker diese Reparaturarbeiten nicht ausführen konnten. Die Gemeinde lehnte ihrerseits die Angebote in einem Schreiben an die kurfürstliche Landesregierung ab, da sie mit einem Betrag von 1 100 Gulden viel zu hoch seien und dass außerdem ortsansässige Handwerker durchaus in der Lage wären, das Rathaus für nur 350 Gulden - auf mehrere Jahre verteilt - in einen guten Zustand zu versetzen. Außerdem sei eine Erweiterung des Schulhauses und die Wiederherstellung der Weschnitzschleuse an der Hofheimer Grenze wichtiger als "ein in der Mitte des Dorfes figurierendes Rathaus", und durch den nunmehr beendeten Dammbau an der Weschnitz habe die Gemeinde so beträchtliche Kosten erhalten und könne sich somit eine so kostspielige Herstellung des Rathauses nicht leisten.

Erst 1832 - also unter Hessen-Darmstädter Regierung - fand eine Taxation der Gemeindegebäude statt; und 1834 wurde das Rathaus auf Abbruch versteigert. Lob Bodenheimer erwarb es für 351 Gulden und ließ den zweigeschossigen Holzfachwerkbau auf seinem Anwesen in der Darmstädter Straße 46 wieder aufbauen. Für den geplanten Rathaus-Neubau erwarb die Gemeinde zur Erweiterung des Baugeländes auf der östlichen Seite von dem einzigen Anlieger Moses Fränkel einen drei Fuß breiten Streifen von der Darmstädter Straße bis zur Enggasse. Dafür erhielt dieser von der Gemeinde einen Anbau an seine Scheune errichtet, der sich an das Rathaus anschloss.
Ende 1834 wurde der Grundstein für das Rathaus gelegt. Es wurde unter der Leitung des sehr bekannten Großherzoglich-Hessischen Kreisbaumeisters Kröncke nach Plänen des Baumeisters Moller aus Darmstadt gebaut und hatte ursprünglich folgende Räume: im Erdgeschoß ein großes Zimmer, eine Wachstube, das Gefängnis und eine Toilette. Im ersten Stock befand sich der Versammlungssaal, das Turmzimmer, das Gemeinderatszimmer sowie die Wohnung des Dorfschulmeisters mit zwei Räumen. 

Die Naturbausteine kamen per Schiff von Neckarsteinach zur so genannten Wormser Fahrt und wurden von dort mit Fuhrwerken zur Baustelle gebracht. Die Backsteine wurden außer von den Firmen N. Hofmann aus Gernsheim und Cornelius Heyl aus Worms auch von dem einheimischen Ziegler Hebung geliefert. Mit Ausnahme der Schreiner- und Schmiedearbeiten wurden alle anderen Facharbeiten von auswärtigen Handwerkern ausgeführt. Während des Rathaus-Neubaues wurde die Oberstube bei Nikolaus Drackert in der Bachgasse als Amtszimmer des Bürgermeisters angemietet sowie entsprechende Räumlichkeiten zur Unterbringung der Feuerwehrgeräte. Im neuen Rathaus wurden die Feuerlöschgeräte im Erdgeschoß untergebracht.

1838 wurde der hölzerne Glockenstuhl aufgesetzt, der die kleine Glocke aufnahm, die zu verschiedenen Anlässen zusammenrief. 1843 musste die Schulklasse im neuen Rathaus untergebracht werden, da es im alten Schulhaus zu eng geworden war. 1858 wurde der linke Teil des Erdgeschosses zu einem Saal umgebaut, nachdem die Feuerwehr eine neue Bleibe in der Zehntscheune gefunden hatte. Das Standesamt wurde erst 1882 dem Rathaus eingegliedert, und 1897 konnte die neu errichtete so genannte "Sonntagszeichenschule" des Gewerbevereins, die vor allem der Ausbildung junger Handwerker diente, den unteren Saal beziehen. 1906 musste wiederum eine Schulklasse im Rathaus untergebracht werden, weil die Schule zu klein geworden war. 1910 wurde das erste Telefon installiert. Ein Jahr später baute man an der Nordseite des Rathauses eine Bretterbude an, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges als Freibank diente.

Erst 1913 wurde die Gemeindekasse in das Rathaus verlegt. Die Gendarmeriestation folgte 1926. Von 1955 bis 1958 wurde das Rathaus gründlich überholt, die Raumeinteilung verändert und eine Zentralheizung eingebaut. Einschneidende Veränderungen für alle Städte und Gemeinden in Hessen brachte jedoch die Regionalreform und später die Funktionalreform mit sich. Da Biblis im Rahmen dieser Regionalreform durch den Zusammenschluss mit Nordheim und Wattenheim nun zu einer Gemeindegruppe von 7500 bis 10000 Einwohnern gehörte, musste die Gemeinde im Rahmen der Funktionalreform eine Vielzahl von Weisungsaufgaben aus dem staatlichen Bereich, wie z.B. Ordnungsamt, Gewerbeanmeldungen, Gaststättenüberwachungen, Verkehrspolizeibehörde, Passwesen übernommen werden, und außerdem wurde Biblis Delegationsgemeinde für das Sozialwesen. Für die oben aufgeführte Entwicklung reichten die vorhandenen Räumlichkeiten im Rathaus für die Unterbringung der Gemeindeverwaltung nicht mehr aus. 1967 konnte das Grundstück Weyerich in der Enggasse 2-4 ersteigert werden. Eingerichtet wurde ein Raum für die Ausschusssitzungen und Fraktionssitzungen der Gemeindevertretung, zwei kleine Räume für den Bauhof, und es konnte das DRK untergebracht werden.

Im Jahre 1971 wurde der kleine Sitzungssaal für die Unterbringung des Gemeindebauamtes umgebaut. Der Sitzungssaal für die Gemeindevertretung in der alten Schule musste aufgrund der Erhöhung der Sitzzahl von 19 auf 31 Gemeindevertreter aufgegeben werden, und die Gemeindevertretung tagte zwangsweise im Foyer der Riedhalle. Im Jahre 1978 musste das Einwohnermeldeamt in das alte Schulhaus in der Kirchstraße ausgelagert werden, weil der Platz im alten Rathaus für die Unterbringung der Karteigeräte nicht mehr ausreichte und außerdem Raum für die Unterbringung des Ordnungsamtes geschaffen werden musste. Das Sozialamt wurde in das alte Fachwerkhaus Darmstädter Straße 25 ausgelagert, um einen Raum für das Liegenschaftsamt zu schaffen. Völlig unzureichend waren die sanitären Einrichtungen im alten Rathausgebäude, und es fehlten Arbeitsplätze für die Auszubildenden. Alle Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung waren sich einig, dass eine geordnete Verwaltung in den vorhandenen Räumlichkeiten nicht mehr möglich war. 1977 wurde in allen Gremien vor allem über den Standort eines neuen Rathauses diskutiert. Zur Debatte standen der Platz hinter dem alten Rathaus, ein Teil des Schulhofes in der Kirchstraße und der Riedhallenplatz. Aus Platzgründen entschied sich der Gemeindevorstand zunächst für den Riedhallenplatz; dieser Standort wurde von der SPD aus finanziellen Gründen unterstützt.

Auf Grund eines CDU-Antrages wurde am 15. März 1978 mit 18 Stimmen dafür bei 12 Gegenstimmen der Gemeindevorstand beauftragt, für den Neubau eines Rathauses unverzüglich ein Raumprogramm zu erstellen und den bereits beschlossenen Architektenwettbewerb auszuschreiben. Gleichzeitig wurde beschlossen, den Rathausneubau auf dem Gelände östlich des alten Rathauses zu erstellen. Die Gemeindevertretung beschloss am 31. März 1978 den dazu erforderlichen Teilbebauungsplan Biblis Nr. 10 aufzustellen, der nach dem Offenlegungsbeschluss vom 4. Oktober 1978 dann am 20. Dezember als Satzung beschlossen wurde.

Um eine ausreichende Freifläche für den Neubau zu bekommen, musste das Grundstück Darmstädter Straße 27 (Huba) und für die Bereitstellung von Parkplätzen das gegenüberliegende Grundstück Darmstädter Straße 16 (Platz) angekauft werden.

 
Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung