Ansprache zum Volkstrauertag von Bürgermeister Volker Scheib

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger von Biblis, Wattenheim und Nordheim

 

da es uns zurzeit aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen zu Covid-19 nicht möglich ist, sich persönlich zu versammeln, richte ich mein Wort heute an Sie und hoffe, Sie auch auf diese Weise erreichen zu können.

Heute ist der 15. November 2020, ein Tag, der zunächst wie jeder andere Sonntag erscheint.

Dennoch handelt es sich um einen besonderen Tag, denn er ist ein Teil der sogenannten „stillen Tage“.

Heute soll es darum gehen, auf der einen Seite rückblickend den Opfern von Krieg und Gewalt, politischer Verfolgung und Hass, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Glaube oder Alter zu gedenken und ein Stück weit innezuhalten

Gleichzeitig sollten wir aber auch nicht die Augen vor aktuellen Gewalttaten und bewaffneten Auseinandersetzungen und Konflikten schließen und dementsprechend auf der anderen Seite soll es heute auch darum gehen, zu mahnen und sowohl an Menschlichkeit als auch an demokratische Werte zu appellieren.

Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus hat in seinem 1922 erschienenen Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ geschrieben: „Alles was gestern war, wird man vergessen haben. Was heute ist, nichtsehen. Was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen, dass man ihn geführt hat. Darum wird er nichtaufhören.“

Die Worte machen die doppelte Bedeutung des heutigen Tages deutlich: Gedenken und Mahnen, das sind die beiden zentralen Begriffe, die heute im Vordergrund des Innehaltens stehen sollen.

Als Bürgermeister habe ich die ehrenvolle und verantwortungsvolle Aufgabe, meine Gedanken hierzu darzulegen.

Liebe Bürger*innen , beginnen möchte ich mit einem kurzen historischen Abriss des Volkstrauertrages.

Im Jahr 1952 erließ die Bundesrepublik Gesetze über Feiertage – und regelte damit final, dass der Volkstrauertag immer zwei Sonntage vor dem ersten Advent stattfindet, gefolgt vom Totensonntag. In diesem Jahr begehen wir diesen am 15. November.

Doch der Volkstrauertrag als solcher hat eine weitaus längere Vorgeschichte, die bereits vor dem Jahr 1952 beginnt: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schlug den Gedenktag 1919 vor – 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. 1925 war dann der erste richtige Volkstrauertag – 1926 fiel die Entscheidung, ihn zur jährlichen Einrichtung zu machen, genannt „Sonntag mit reichsweiter Staatstrauer“.

Die Nationalsozialisten übernahmen 1934 den Volkstrauertag und nannten ihn in „Heldengedenktag“ um – vom Gedenken an die Opfer zur Verehrung von vermeintlichen Helden.

Wir gedenken heute, 106 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und 81 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Wir gedenken den Opfern von Massakern und Genoziden, den zivilen Kriegsopfern und den Soldaten. Wir gedenken den Toten der Diktaturen, den Opfern von Euthanasie und Verfolgung. Den Widerstandkämpfern, den Vermissten, aller in bewaffneten Konflikten getöteten Frauen, Männer und Kinder. Wir trauern auch um die Opfer der Gegenwart: um die Bundeswehrsoldaten und Soldatinnen und Einsatzkräfte, welche bei Einsätzen im Ausland ums Leben kamen. Den Opfern von Terrorismus, politischer Verfolgung und Gewalt. Wir denken an persönliche Schicksale, in unseren eigenen und in allen fremden Familien über Europa und die Welt verteilt.


Liebe Bürger*innen und Bürger,

Der US-Amerikanische Dichter und Historiker Carl August Sandburg schrieb in seinem Gedicht „The people, Yes“: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ So simpel uns der Ausspruch scheinen mag, so einprägsam ist er doch und so einleuchtend seine Botschaft: wir selbst haben ebenfalls die Möglichkeit, Veränderungen herbeizuführen und Gewalt Einhalt zu gebieten!

An der Historie des Volkstrauertrages selbst wird deutlich, dass allein das Trauern und das Gedenken nicht ausreichen kann, es braucht auch ein aktives Gestalten der Gegenwart und Zukunft.

Dieses Erneuern ist umso wichtiger, wenn wir uns vor Augen halten, wie sich uns die Welt, ein Jahrhundert nach den ersten Schüssen des Ersten Weltkrieges – heute darstellt und wir auf die jüngst vergangenen Ereignisse zurückschauen, bei denen es fast schon trivialisierend wirkt, solche Schreckenstaten hintereinander aufzuzählen. So denken wir etwa an den seit Jahren anhaltenden, blutigen Bürgerkrieg in Syrien, die militärischen Eskalationen zwischen Israel und Palästina, die Gräueltaten der Terroristen des Islamischen Staats im Irak, terroristische Anschläge wie etwa die Enthauptung eines Geschichtslehrers in Frankreich, aber auch Opfer rechtsextremistischer Gewalt, die es immer noch in Deutschland gibt.

Die Zahl der Opfer der Schreckenstaten ist unüberschaubar. Ich kann an dieser Stelle nicht annähernd abbilden, welche Gewalttaten tatsächlich tagtäglich auf der Welt stattfinden.


Liebe Bürger*innen und Bürger,

 „Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes.“, so hat es einmal der Autor Henry Miller ausgedrückt: Aus dieser Erkenntnis heraus, aus der Erinnerung an die bedrückenden Schicksale aus vergangenen Zeiten und jüngster Geschichte und Ereignisse, muss die Botschaft, die für uns alle von diesem Tag ausgeht, lauten: Nie wieder!

Ferner sagte Frederic Joliot-Curie 1949: „Kein Volk, kein Mensch allein kann den Krieg verhindern. Nur wenn die Völker aller Staaten gemeinsam handeln, können sie dieses Ziel erreichen.“

Im inhaltlichen Fokus der Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag stehen jedes Jahr bestimmte historische Gedenktage und Themen. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs seien es die deutsch-britischen Beziehungen, die sich von der Feindschaft in beiden Weltkriegen zu Freundschaft und Zusammenarbeit entwickelt hätten, teilte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Prinz Charles wird stellvertretend für das vereinigte Königreich nach Berlin reisen und eine Rede halten.

Das Streben nach Frieden und Gewaltfreiheit kann nicht nur als ein nationales, sondern muss auch als ein internationales Ziel aufgefasst werden; gebündelt in einem Verständnis von Menschlichkeit an sich.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg standen sich Soldaten unterschiedlicher Nationen gegenüber, unterschiedlicher Kultur, die unterschiedliche Sprachen gesprochen haben. Allein ihre Nationalität, ihre teils aufgezwungene Kontrahenten-Rolle war ausschlaggebend dafür, sich gegenseitig umzubringen. Deswegen ist es umso wichtiger, nicht nur auf die nationalen Gefallenen und Opfer von Gewalt und Krieg zu schauen, sondern die Gesamtheit zu betrachten.

Und nicht etwa wegzuschauen, wenn die bewaffneten Konflikte sich nicht im eigenen Land abspielen oder die Involvierten eine andere Sprache sprechen, die man zunächst nicht versteht – Menschlichkeit kennt keinen Unterschied zwischen verschiedenen Nationalitäten, Glaubensrichtungen oder Geschlechtern – so ist es in der Präambel der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben: „Die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen bildet die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.“ Und so steht es auch in unserem Grundgesetz, Absatz 1 Artikel 1 und 2:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.


Lieber Bürger*innen und Bürger,

es stellt sich die Frage, was ist überhaupt die Definition von Frieden und was bedeutet Frieden als Zustand?  Bedeutet Frieden, dass kein Krieg ist? Darauf können sich vermutlich die meisten einigen. Aber was ist der Unterschied zwischen Frieden und einem Waffenstillstand? Herrscht eigentlich in Deutschland Frieden? Wo fängt Frieden an und wo endet er? Beginnt Frieden nicht bei uns selbst, schon in unserer Art der Kommunikation?

Ich gehe davon aus, dass Frieden mehr und vielschichtiger ist als ein Waffenstillstand oder ein unbewaffneter Konflikt; es fängt mit der eigenen Haltung an.

„Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.", so sagte einmal Richard von Weizsäcker, ehemaliger Bundespräsident und Bürgermeister von Berlin.

Dass Sie, liebe Bürger*innen und Bürger, sich ebenfalls eine solidarische Welt wünschen und aktiv Ihren Teil dazu beitragen und beigetragen haben, zeigt sich im aktuellen „Kampf“ während und gegen Covid-19 in Biblis: Bürger*inneninitiativen wurden ins Leben gerufen, Nachbarschaftshilfen weiter ausgebaut, Gastronomen halfen durch eigene Aktionen und noch vieles mehr – viele Menschen kamen zu mir, die anderen Menschen in Not oder Angehörigen von Risikogruppen helfen wollten

Diese Haltung ist äußerst lobenswert und macht deutlich: auch in Notsituationen lassen wir keinen zurück. Und auch diese Situation ist nicht nur ein nationales Phänomen, es wurde sich ebenfalls international vernetzt und Patient*innen aus anderen Ländern in Krankenhäuser aufgenommen. Diese Haltung macht Hoffnung und zeigt, dass trotz vieler aktueller Konflikte auf der ganzen Welt, an denen auch Deutschland beteiligt beziehungsweise involviert ist, immer wieder Menschen zusammenkommen, die sich nicht dem Schicksal als solches ergeben möchten und aktiv Solidarität vorleben.


Liebe Bürger*innen und Bürger,

im Gedenken und Erinnerung zurückschauend und mit dem Wissen um die Vergangenheit, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen und die Zukunft mahnend gestalten, so lautet mein Ansinnen für den diesjährigen Volkstrauertrag.

Trotz alledem, trotz spezifischer historischer Vergangenheit und aktueller Konflikte sowie Covid-19-Bedingungen ist es wichtig, innezuhalten, gemeinsam an demokratische Werte zu erinnern, diese erneut in das Bewusstsein zu rufen und für sich deutlich zu machen, wie das Leben von morgen aussehen soll. Dafür kann ein „stiller Tag“ wie dieser Volkstrauertrag eine Möglichkeit bieten. Hierzu lade ich Sie alle herzlich ein – lassen Sie uns gemeinsam gedenken und Verantwortung tragen.

Liebe Bürger*innen und Bürger,

ich wünsche Ihnen gerade in diesen Zeiten alles Gute und bleiben Sie gesund!

Ihr Bürgermeister
Volker Scheib

 

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